Tourtagebuch

Kapelle Vorwärts in Finnland

Anfang 2010 hatten wir den ersten Kontakt zu Marko Säärelä, ex Gitarrist von Eristetyt, aus Tampere in Finnland. Er hatte uns im damals noch lebendigen Myspace Kosmos entdeckt. Wir schlossen virtuelle Freundschaft. Mir gefiel sofort seine Stimme. Sie hatte den Soul von Joe Strummer, aber auch so eine mir bis daher unbekannte Melancholie. Ich sollte noch herausfinden, dass diese Traurigkeit viel mit der finnischen Seele zu tun hat. Ihre damaligen Aufnahmen waren im Proberaum und im Schlafzimmer von Drummer Mustonen entstanden.

Es waren  Midtempo Punksongs mit kämpferischen antifaschistischen Texten, deren Melodien mir nicht mehr aus dem Kopf gingen. Die Mischung aus Kampf und Melancholie hinterließ bleibende Spuren in meinem kleinen  musikalischen Mikrokosmos. Irgendwann kam dann eine Mail mit der Bitte, eine kleine Tour mit uns in Deutschland machen zu wollen. Da musste ich nicht lange überlegen. Im Mai 2010 holte ich dann an einem Sonntag gespannt 5, mir bis dato unbekannte, finnische Punks am Flughafen Bremen ab. Die Woche mit ihnen gestaltete sich zu einem unvergleichbaren feuchtfröhlichen Abenteuer mit großer Intensität. Es wurde über Gott und die Welt philosophiert, viele unglaubliche Geschichten aus dem Punkepizentrum Tämpere kamen auf den Tisch und es wurde pausenlos musiziert. Zum Abschied fielen wir uns in die Arme, drückten und küssten uns und vergossen ungeniert viele Tränen. Eine tiefe Freundschaft hatte ihr Fundament in unsere Herzen gebaut.  Dies mag sich für manche übertrieben pathetisch anhören, entspricht aber absolut den Tatsachen. Im Juni 2011 trafen wir sie noch bei zwei Konzerten.  Sie wollten eine Tournee durch Polen und Deutschland machen, hatten Leute, die das für sie organisieren wollten. Sagten sie per Email. Doch einige Wochen vorher wurde immer deutlicher, dass es nur diese zwei Auftritte mit uns geben würde. Ich versuchte hektisch, noch einige Gigs für sie klar zumachen, aber konnte ihnen nur noch zu einem weiteren verhelfen. Egal. Sie kamen trotzdem. Mit einem vom Vater des Bassers Puli geliehenen altersschwachen Wohnmobil. Die Besetzung hatte sich verändert. Für Mustonen saß jetzt Teemu am Schlagzeug und die Gitarre bearbeitete Muje. Die Verjüngungskur im Line Up brachte dass Tempo der Songs enorm auf Touren. Säärelä begann mit den Planungen für die Partisan Tour II, die im Oktober stattfinden sollte.
Wir bestellten billige Flugtickets. Ab zum Bremer Flughafen. Hatten jeder nur eine kleine Tasche dabei. Nur Mary nahm ihren Bass mit. Sie befürchtete, dass die finnischen Bässe zu schwer für ihre zierlichen Schultern wären.Dem Rest der Kapelle war das egal, wir würden uns schon mit den Drums und Gitarren, die auf uns warteten, anfreunden.
Am 01. Oktober landen wir nach einer sehr kurzen Nacht mittags in Tampere. Was würde uns erwarten? In einem Land, wo man Getränke wie „Poron Perse – Raindeers Ass“ (Milchkaffee mit Bier) zu sich nimmt, wo es ein Restaurant gibt, das nur Platz für einen Gast hat, wo es auch ein Restaurant gibt, in dessen Mitte lebendige Schweine herumlaufen, die man kaufen und mit nach hause nehmen kann, wo es Weltmeisterschaften im Frauentragen, Handy- und Gummistiefelweitwurf gibt und wo bei 110 Grad Wärme die Weltmeisterschaften im Saunasitzen ausgetragen werden. Es gewinnt der, der es am längsten aushält. Im letzten Jahr starb dabei der russische Meister und der finnische Sieger verbrachte danach 4 Monate seines Lebens im Koma. Wir waren auf alles vorbereitet. Wir hatten den Zeitpunkt der Tour so gelegt, dass wir vor den berüchtigten Mücken sicher waren. Das war richtig so. Im Laufe der Woche begegnete uns nur ein einziges Exemplar dieser  Plagegeister.
Bassist Puli erwartete uns ausgeschlafen am kleinen, schnuckeligen Airport. Ein großes Wiedersehenshallo stimmte uns zuversichtlich. Wir fahren sofort zu Sääreläs Wohnung. Er hatte uns schon ein seiner Meinung nach typisches Frühstück aus seiner Heimat Lappland zubereitet. Eine scharfe Fischsuppe, die köstlich mundete und uns den Schweiß auf die Stirn trieb. Der weitere Tagesverlauf wird besprochen. Heute geht es gleich mit einem Konzert in Jyväskylä los. Und kurz vor Abfahrt trudelt die gute Nachricht ein. Wir müssen uns nicht mit mehreren PKW`s auf die 200 km Richtung Norden begeben. Gitarrist Muje hat von einem Arbeitskollegen im letzten Moment einen Bulli ausgeliehen. Den letzten Kram aus dem Übungsraum geholt und schon geht’s los. Immer geradeaus auf der Landstraße Richtung Norden. . Rechts und links nur Seen und Wälder. Das entspannt ordentlich. Wir sollen um 18 Uhr zum Soundcheck im Pub Katse sein. Das Konzert soll um 24 Uhr beginnen. Ein langer Abend liegt vor uns. Da wir ziemlich durch sind, freuen uns uns auf den Backstageraum, in der Hoffnung hier ein wenig entspannen zu können. Der ist irgendwo im Keller und nur mit dem Fahrstuhl zu erreichen.  Der Traum von etwas Ruhe und Zurückgezogenheit ist schnell ausgeträumt. Er bietet für maximal 5 Leute Platz. Da heute Abend auch noch die Lokalmatadoren von Jimmy Wasted das Line Up bereichern, sind wir insgesamt 15 Musiker. Der Kühlschrank ist mit Bier gut gefüllt. Für jede Band gibt es zusätzlich eine Flasche eines braunen, hochprozentigen Getränks. Das Etikett wird von einem Stern geziert. Die Finnen versichern uns glaubhaft, dass die Schnäpse mit einem Stern die besten seien. Der Abend scheint unter vielen guten Sternen zu stehen. In mangels Alternativen bietet der obere Teil des Treppenhaus eine kleine Oase der Ruhe. Es ist 21 Uhr. Wir sind gar. Da wir aber erst gegen 1:00 Uhr auftreten sollen, gibt’s zum Überleben nur eine Alternative: Wir köpfen die erste Dose finnischen Bieres. Ich begutachte die mir angebotenen Gitarren und entscheide mich für heute und den Rest der Woche für eine „Flying V“, so richtig scorpionsmäßig. The Flags Of Unity beginnen den Abend. Die riesige Rockdisco ist nur spärlich gefüllt. Unsere finnischen Freunde stört dies nicht. Sie rocken los als ob es ihr letzter Auftritt wäre. Sie sind noch schneller geworden. Das spärliche Publikumsinteresse scheint sie zu immer neuen Geschwindigkeitsrekorden zu treiben.  Danach geben Jimmy Wasted ihr bestes. Der Saal ist jetzt besser gefüllt. Ihre Mischung aus Hardcore und Metal kommt bestens an. Gegen 1:30 Uhr entern wir die Bühne. Der Bühnensound ist der lauteste, den wir je hatten. Das treibt uns trotz der fortgeschrittenen Stunde zu Höchstleistungen. Da vor der Bühne gepogt wird, hauen wir einen wir einen ordentlichen Auftritt in die finnische Nacht. Gegen 3 Uhr sitzen wir wieder im Bus. Etwas verwundert nehmen wir im Halbschlaf zur Kenntnis, dass unsere finnischen Begleiter jede Menge leere Bierkisten in den Kofferraum hieven. Die werden an der nächsten Tanke gleich zu Bargeld gemacht, so dass der Tank gefüllt werden kann. Es ist total neblig. Um wach zu bleiben, stellt Fahrer Björkvist die Heizung aus. Total durchgefroren erreichen wir im Morgengrauen Tampere.
Am nächsten Tag erhalten die Flags eine Mail vom Klub Katse: „ Wir bedanken uns bei Euch für den schönen Abend. Beim Studium unserer Überwachungskamera ist uns allerdings aufgefallen, dass Ihr unser Leergut zweckentfremdet habt. Wenn Ihr nicht wollt, dass wir die Cops einschalten, überweist umgehend 30,- € auf unser Konto.“  Das wäre dann wohl auch geklärt.
Am Sonntag steht ein Heimspiel im O`Hara`s Freehouse in Tampere an. Da das Konzert pünktlich um 20 Uhr starten soll, geht’s schon am Nachmittag in den Übungsraum, um die Klotten zu holen. Bei den Flags fehlt heute  Muje. Er hat durchgefeiert und ist nicht einsetzbar. Säärelä ist not amused. Er wollte eigentlich nur noch den Sänger mimen, muss heute aber wohl doch wieder zur Gitarre greifen. Das O`Hara`s ist ne irische Kneipe mit sehr vielen Biersorten vom Fass. Ne Gage gibt’s heute wieder nicht, aber dafür freies Essen und Trinken. Der Konzertraum befindet sich im Keller. Das Monatsprogramm zeigt, dass hier fast täglich Konzerte stattfinden. Der Soundcheck macht klar, dass wir es heute mit einem komplett anderen Bühnensound zu tun haben werden.  Die kleinen Kofferverstärker schaffen eher eine unplugged Atmosphäre. Aber Mischer Nippa scheint sein Fach zu verstehen. Wir müssen eine Biersorte wählen und entscheiden uns für die finnische Variante. Zum Rauchen geht’s nach draußen, die Biere müssen allerdings dabei in der Kneipe verbleiben, was dazu führt, dass beim Wiederbetreten des Lokals Dein Glas schon mal verschwunden sein kann. Egal, dann wird halt das näxte bestellt. Kost ja nix. Das Essen, das vom Taxi gebracht wird , überrascht uns alle. Es gibt Braten mit vielen Gemüsen und Kartoffeln. Ja. Am Sonntag einen Sonntagsbraten. Eine Gemüsesorte ist mir völlig unbekannt. Die Recherche ergibt, dass es sich wohl um Pasternaken handeln muß. Sehr delikat! Auf die Frage nach dem Namen des toten Tieres, das sein Leben für diesen herrlichen Braten lassen musste, entgegnen unsere Gastgeber: „ Es ist besser, wenn Ihr das nicht wisst!“ Die Flags spielen auch ohne Muje mit viel Spass in den Backen. Der kleine Raum wirkt auch trotz der überschaubaren Zuschauerzahl gut gefüllt. Beim letzten Stück entert Tatuu, Sänger der Folkpunks von Lastauslaiturin Pojat die Bühne und gibt einen seiner stadtbekannten Hits zum Besten. Der Saal schunkelt und singt lauthals mit. Unsere Stimmung ist aufgrund des mauen Bühnensounds eher entspannt. Wir versuchen Fahrt aufzunehmen, was uns nur ansatzweise gelingt.  Zur Zugabe holen wir für ein schönes midtempo Bella Ciao die Flags auf die Bühne, die schließlich den ganzen Songs auf finnisch intonieren. Großartiges Kino. Später gibt’s wieder tausend Umarmungen und Küsse. Das Publikum fand uns wohl gut. „ Ihr habt richtig relaxed gespielt.“ Na. Da gingen die Wahrnehmungen ja nicht so weit auseinander. Kurdische Aktivisten bitten uns, einen Song über die Situation im Nordirak zu schreiben. Ihr Argument: „ Ein Lied erreicht mehr als 100 Kalashnikovs.
Die nächsten beiden Tage haben wir frei. Auch in Finnland gibt es keinen großen Bedarf für Konzerte zu Wochenbeginn. Wir nutzen die Zeit für ausgiebige Spaziergänge und kulturelle Ausflüge, z.B. ins Lenin Museum in Tampere oder besuchen  einfache finnische Nachbarschaftskneipen, in denen viel getrunken, aber wenig geredet wird.
Am Mittwoch dann das nächste Konzert in Helsinki. Es soll eine Premiere geben. Puli will das erste Mal in seiner Bandkarriere fahren. Daraus wird nix. Ihm sind zwei Weisheitszähne gezogen worden. Er sieht alles andere als fahrtüchtig aus. Nach 2 Stunden Fahrt sind wir am Ziel. In einer Stadt, die in Tampere überhaupt nicht gemocht wird. Der Dark Side Club befindet sich im Zentrum. Der erste Teil der P.A. wird gerade aufgebaut. Wie gesagt, der erste Teil. Zwei Boxen, die nicht gerade vertrauenserweckend aussehen. Die All Over Maniacs sind auch schon da. Nette , sehr junge Gesellen, die im Laufe des Abends ihr Outfit deutlich verändern werden. Der Tag war lang, der Abend wird lang. Keiner weiß, ob wir hier was zu essen und trinken kriegen werden. Da die Finnen sofort den Supermarkt um die Ecke entern um sich mit Bier einzudecken, scheinen die Würfel wohl gefallen zu sein. Dann sind alle weg, um in irgendeinem Vorort ne Backline zu besorgen. Überhaupt ist das auf unserer Tour immer so: 5 Minuten vor Abfahrt klärt sich die Autofrage und ne Backline wird schon irgendwie auftauchen. Wir beschließen, uns was zu essen zu besorgen. Drummer Teemu begleitet uns.. Helsinkis City ist von Einkaufszentren geprägt. Heute ist der Abend der Studentenpartys. Vor den Kneipen stehen hunderte von Studenten. Alle haben einen Overall an. Mit vielen Aufnähern drauf. Teemu klärt uns auf: Das ist hier seit einigen Jahren Tradition. Alle Studenten tragen Overalls. Jede Fakultät hat ihre eigenen Farbe. Ziel ist es , so viele Aufnäher wie möglich zu kriegen. Teemu ist auch Student. Er hatte keinen Bock auf diese Uniformierung. Bei der ersten Party war ich der einzige, der keinen Overall trug. Das war mir zu blöd. Außerdem haben wir schwarze Overalls. Die sind gar nicht so übel. Tja, auch finnische Punks haben manchmal keine Wahl. Um 21 Uhr treffen wir wieder im Club ein. Die Backline ist aufgebaut. Die Getränkefrage ist immer noch nicht geklärt. Alle Musiker stehen draußen mit Dosenbier in der Kälte. Okay. Auf in den Supermarkt. Es ist kurz nach 21 Uhr. Der Kühlschrank ist schnell geortet. Als ich nach  ner Dose Bier greife, schreit mich die Verkäuferin an. Stop! It´s not allowed to buy beer in a supermarket after 9:00 o`clock. Ist schon irritierend für Außenstehende , das Land der Gernealkoholtrinker. Egal. Wir entern wieder den Club. Hier hat sich nicht viel getan. Die Besucherschar hält sich in Grenzen. Der Dark Side Club war mal ein angesagter Laden, der mittlerweile von Jahr zu Jahr den Bach runtergeht. Man kann von Glück sagen, wenn Mikros vor Ort sind, wenn wie heute sogar Mikroständer da sind, hat man den Hauptgewinn gezogen.Ein Mischer ist nicht erschienen, das erledigen wir jetzt selbst. Um 21:30 Uhr holen die Flags zum großen Schlag aus. Ihre Energie ist ungebrochen, sie spielen noch schneller als sonst. Dann sind wir dran. Auch wir sind hungrig. Die Saiten dieser komischen Gitarren halten. Es gibt keine Monitore, der Gesang wird unkontrolliert in den finnischen Abend gegröhlt. Auch wenn die Stimme am nächsten Tag im Arsch ist. Nach dem Gig wieder Umarmungen und Küsse. Wir lernen Susi kennen, die Sängerin der phantastischen All Girl Hardcore Band „Melusaaste“. Sie hat keinen Job, hängt rum und besucht jedes Punkkonzert in Helsinki. Obwohl ihr hier in Helsinki zuviele Poser Punks rumlaufen. Für sie gibt’s richtigen Punk nur in Tampere. Dann sind endlich die „All Over Maniacs“ auf der Bühne. Ihre Gesichter haben sie schwarz angemalt und ihr Sound kommt aus der Hölle: Brachialer Hardcore Metal. Wie alle Bands, die uns in dieser Woche begegnen, spielen sie so als wenn der Club ausverkauft wäre. Großartig! Sie wollen im nächsten Jahr nach Deutschland kommen. Verpasst sie nicht!   Eine Band gibt’s heute abend noch: „The Electric Wheelchair“. Marko hat sie vor einigen Wochen gesehen, er meint, die können wir uns schenken. Gut, dass wir das nicht tun, Die vier zeigen heute ihre Schokoladenseite: Melodiöser straighter Old School Punk mit exzentrischen Einlagen. Der Bassser spielt sein Instrument knapp über dem Fußboden und der Sänger hat nicht nur das Outfit eines Opernsängers, sondern singt auch so. Finnischer Humor halt.
 

Gegen 3:00 Uhr erreichen wir wieder Tampere.
Am Donnerstag verbringen wir einen feuchtfröhlichen Abend bei kurdischen Freunden. Der reichlich vorhandene Wodka wird abwechselnd mit Eis, Orangensaft, Red Bull oder Erdbeersaft gemischt. Jussi schenkt uns drei Videos, die er produziert hat. Auf den anschließenden, nächtlichen Saunabesuch verzichten wir dankenderweise.
Am Freitag findet unser letztes Konzert statt. Im Kulturzentrum Herrtta. Ein selbstverwaltetes Cafe im Herzen von Tampere. Am Nachmittag pusten wir unsere Birne mit einem langen Spaziergang frei und schauen zu Kaffee und Bio Donots schon mal im Herrtta vorbei. Es sieht noch aufgeräumt und sauber aus.
Charles und Säärelä haben uns nicht begleitet. Sie sind zum Proberaum. Dort findet dann überraschenderweise doch das mehrmals verschobene Proberaumkonzert von unserer Lieblings Folkpunkband „ Lastauslaiturin Pojat „ statt. Und wir sind nicht dabei! Shame about us!!  
Um 19 Uhr füllt sich das Herrtta.. Die übliche Frage; „Wie siehts aus mit Essen und Trinken aus “?.Die Antwort gibt Klarheit: Zu Essen gibt’s nix und  für jeden Musiker zwei Freibier. „ Na großartig. So sieht ne korrekte Abschiedsparty aus.“ Also schnell ab in den Supermarkt, Brot, Schinken, Käse und Bier einkaufen. Im Club sind jetzt alle da. Wir lernen Pulis Freundin Lisa kennen, von der wir schon so viel gehört haben. Sie enttäuscht uns nicht. Nur eins dazu: Für ihre Hochzeit wollen sie das Brian Setzer Orchester einfliegen lassen.
Pünktlich um 20 Uhr beginnen „The Hoist“, angeblich die einzig echte Oi-Punk-Band Finnlands, mit ihrem Gig. Sehr schöne Melodien, Oi Punk brischer Schule, der im Saal kräftig mitgesungen wird. Die Stimmung ist für die frühe Anstoßzeit schon erstaunlich ausgelassen. Wir hatten darum gebeten, als zweite spielen zu dürfen, um zum Schluß den Flags Gig entspannt feiern zu können. Wir werden belehrt, dass hier die auswärtige Band immer als letztes spielt. Trotzdem können wir unseren Wunsch durchsetzen. Ausnahmsweise. Der Laden wird immer voller und wir haben beste Spiellaune. Zu unserer Überraschung werden die Songs von großen Teilen des bunt gemischten Publikums mitgesungen. Unsere CD scheint hier ja gut im Umlauf zu sein. Muje kommt bei An Rhein und Ruhr auf die Bühne und singt lauthals mit. Bei „Nein Nein Nein“ verwandelt sich das Herrtta in eine große Tanzfläche. Klaus der Geiger hätte seine Freude bei diesem Anblick.
Die Flags haben heute einen ganz miesen Sound. Dieser Umstand stört hier niemanden. Vom ersten Akkord an bricht hier die Pogohölle los. Es ist großartig, sie das erste mal in Tampere zu sehen. Jeder Refrain wird mitgegröhlt, auch von uns. Die Pogostandfestigkeit großer Teile des Publikums ist wegen des hohen Alkoholpegels kaum noch vorhanden. Biergläser fliegen durch die Gegend. Die Scheibe der Eingangstür geht zu Bruch. Im Nu verwandelt sich die adrette alternative Kneipe, auf deren Bühne meist Lesungen und Folkkonzerte stattfinden, in einen Tollhaus. Der Fußboden ist eine gefährlicher Untergrund geworden und besteht nur noch aus Glasscherben und Bierpfützen. Erfreulich ist der Umstand, dass der hier praktizierte Pogo hohe soziale Anteile hat und somit niemand zu schaden kommt. Die Flags spielen ihr komplettes Programm. Bei der Zugabe ist der halbe Saal auf der Bühne und Tatu von „Lastauslaiturin Pojat“ schmettert einen seiner großartigen Working Class Folkpunk Hits. Pogues auf finnisch halt. Bevor wir alle ins Taxi fallen, wird nochmal mit vielen Umarmungen und Küssen Abschied genommen. Die Flags versprechen, im Frühjahr wieder nach Deutschland zu kommen, Säärelä will schon eher mal bei uns aufschlagen, um einen Song auf unserer nächsten CD zu singen und für uns haben sie auch schon wieder Pläne für eine Finnland Tour. Ist doch klar.
Im Morgengrauen holt uns Muje bei Säärelä ab, um uns zum Flughafen zu bringen. Unser Gepäck passt gerade so in den Kofferraum seines Kleinwagens. Säärelä hält den Abschiedsschmerz nicht aus, will uns zum Flughafen begleiten und klettert unter unser Gepäck in den Kofferraum. Mit ner Dose Bier in der Hand. Während der Fahrt singt er ein neues trauriges Trinklied: „ I am always drinking Beer under Mary`s Bass, i am always...“
Zuhause angekommen dauert es noch einige Tage  bis wir die vielen schönen Bilder halbwegs aus unseren Köpfen haben. Eine intensive Woche bei Freunden liegt hinter uns. Kiitos!